16.05
Mein erster Ramadan beginnt um Mitternacht mit dem Abendessen: Salat, Merka (gekochte Erbsen, Möhren, Fleisch) mit Brot, Datteln und reichlich Wasser. Meine Gastfamilie ist zu früh dran mit dem Abendbrot.Ich stopfe mir das Essen in den Mund, ich befürchte, die nächsten 19 Stunden nicht überstehen zu können. Leider ist mein Magen klein und meine Hand noch immer zu ungeschickt, um mit dem Brot genug Essen aufzunehmen. Das Sättigungsgefühl kündigt sich zu früh an. Ich kippe einige Gläser Wasser hinterher, in der Hoffnung zumindest den Durst für eine gewisse Zeit zu löschen. Schnell drei Datteln hinterher, mögen sie meinen Magen sowie mich in den Schlaf wiegen.
Mein Wecker geht um 7:20. Diese Nacht wurde die Uhr auf Winterzeit zurückgestellt, somit habe ich noch eine Stunde länger Schlaf bekommen. Als ich aufstehen möchte, fällt mir auf, dass das Frühstück ausfallen muss. Dafür stehen mir 20 Minuten mehr Schlaf zu. Praktisch. Wer nicht isst, kann mehr schlafen. Wundervoll.
Der Gedanke verschwindet schnell wieder als ich vor der Sportanlage meiner Arbeit stehe. Geschlossen. Womöglich muss ich eine halbe Stunde warten. Auch die Schule meines Gastbruders beginnt eine halbe Stunde später als gewohnt. Hunger mittelmäßig, Durst groß. 10 Stunden stehen noch vor mir. Der Kopf klopft schon an - doch nicht so wundervoll. Die Stadt ist voll mit leeren Mägen und trockenen Mündern. Den vorbeigehenden Leuten versuche ich anzusehen, wie sehr sie unter Hunger und Durst leiden, doch sie lassen sich nichts anmerken. Auch scheint sich niemand daran zu stören, dass alle Läden geschlossen sind. Einzig McDonalds bleibt Tag und Nacht geöffnet, um Ausländer, Nicht-Muslime oder Nicht-Fastende vorm Hunger zu retten.
Um 19:30 sitzt die ganze Familie am gut bestückten Tisch und horcht auf den Adan, der aus dem Fernseher sowie dem Fenster hallt. Das Fasten wird mit einem „Bismillah“ (im Namen Gottes) und einer Dattel gebrochen, anschließend wird Milch oder Wasser getrunken. Alle meine Familienmitglieder verschlingen ihre Mahlzeit, sodass sich einige von ihnen nachts noch übergeben müssen. Komödianten der neu zu Ramadan ausgestrahlten Sendungen begleiten uns beim Essen. Bis zum nächsten Adan um 21:30 bleibt Zeit zum verdauen, beten, fernsehen.
Um 21:30 finde ich leere Straßen vor. Die Menschenmengen haben sich in die Moscheen verschoben. Sonst sieht man nur freitags, am Feier- und Couscous-Tag, die Quartiers (fr. Viertel) leer und die Moscheen überlaufen. Viele finden diesen Monat zurück zur Spiritualität und ihre Nähe zu Gott oder aber beten für gute Ergebnisse in den in Ramadan stattfindenden Prüfungen. Nach dem Gebet begeben sich viele in ihren Jellabas (traditionelles Amazigh-Gewandt für Mann und Frau, langes Kleid mit Kapuze) auf die Straßen, die Quartiers beleben wieder. Es werden Einkäufe auf dem Markt verrichtet, mit Freunden Karten oder Dame gespielt, mit Nachbar gequatscht. Viele junge Leute fahren mit ihren Motorollern an die Promenade, um in der Plastikstuhlrunde mit Freunde Ideen und eine Shisha zu teilen. Erst gegen 12 Uhr leert sich die Promenade wieder, Pärchen tauschen letzte, nur nächtlich erlaubte Zärtlichkeiten aus, Stühle werden zusammengeklappt.
Als ich um 1 Uhr in Youssoufia ankomme, begegne ich nur wenigen Frauen, einigen Männern und wenigen fußballspielenden Kindern. Eine Gruppe Männer spielt noch bei Handylicht eine Partie Karten, direkt daneben hat sich dafür die alte Generation versammelt. Obwohl es spät und still ist, fühlen sich diese Straßen ungefährlich an. Zwar wirken die Leute tagsüber träge und gestresst und ständig begegnet man sich streitenden Menschen, dafür bekommt man als Frau weniger Kommentare auf der Straße zu hören und allgemein sind viele still und mit sich selbst beschäftigt. Die Luft zu Ramadan ist anders. Mir ist auch etwas anders zu Mute, als ich zu Bett gehe. Gegen drei werde ich von meiner Gastmama zum Ssehour geweckt. Beim letzten Abendmahl sind allen die Augenlieder schwer. Der Röhrenfernseher mit der Wiederholung der Sendung vom Iftour dröhnt in den Ohren.
![]() |
| Ein Iftour zu Hause, besonders üppig wegen Besuchen |


