Dienstag, 5. Dezember 2017

Alltag

06:30 Uhr
Ein Wecker klingelt. Seitdem meine Gastmama ihre neue Arbeit als Köchin für eine Familie in Agdal - ein Quartier mit hohem Franzosen- und Geldanteil, gefunden hat, besitzt sie ein neues Smartphone, mit dem sie noch nicht ganz vertraut ist. Nachdem ich ihren Wecker ausgestellt habe, lege ich mich zurück auf's Sofa und lausche Yahya und Saadia beim Sich-fertig-machen.

07:30 Uhr
Mein Wecker klingelt. Ich bin alleine, habe wieder nicht mitbekommen, dass meine Gastfamilie gegangen ist. Anscheinend bin ich doch wieder eingeschlafen unter Geschirrklirren, Brutzeln und Schmatzen.

08:15 Uhr
Bürgersteig in Youssoufia
Ich teile mir auf dem Weg zum Taxi den Bürgersteig mit Frauen und Kindern auf dem Schulweg, mit Ständen, mit Minze-Verkäufern, mit Straßenkatzen.
Heute habe ich Glück, die lange Schlange wartet auf ein Taxi nach Agdal. Ich hingegen werde direkt durchgewunken. „Mademoiselle! La Gare Rabat Ville? Aji, viens!“

08:50 Uhr
Teil des Parlamentsgebäude

Bürgersteig vor dem Zentrum

Vom Bahnhof zum Centre Lalla Meriem laufe ich mit Anzugträgern die Avenue Mohammed V entlang. Während ich die saubere Straße bewundere, fliegen hunderte Tauben über mich hinweg. Nun befürchte ich nur noch von den Vögeln angekackt zu werden, die bewaffnete Gendarmerie vor dem Parlamentsgebäude ist mir egal.

09:00 Uhr
Nachdem ich sowohl Arbeitsbluse als auch Kopfbedeckung angelegt habe, kann die Arbeit endlich beginnen. Gerade möchte ich ein weinendes Baby beruhigen, da ermahnt mich eine Kollegin, ich solle mich von den Babies fern halten. Sie hat mich beim Naseputzen beobachtet und nimmt an, dass ich die Kinder infiziere. Dass die Babies die Virusüberträger waren, versteht sie nicht, das Inhaliergerät für die Babies ist zu laut.

13:20 Uhr
Obwohl ich krankheitsbedingt nichts zu tun hatte außer quatschen, eine Windel wechseln, ein Kind füttern, zwei mal Wäsche zum hauseigenen Waschsalon bringen, verlasse ich das Zentrum 20 Minuten später als gewöhnlich. Für mich fielen heute das Fläschchen geben, Babies beruhigen und Windeln wechseln aus. Um meiner Nützlichkeit kein Stück näher zu kommen, mache ich einen ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt.
Eingang zur Kasbah
Aussicht auf die Kasbah und Rabat


Moschee Assounna an der Avenue Mohammed V

16:08 Uhr
Pünktlich kommt mein Gastbruder von der Schule. Mittlerweile schafft er es alleine die Treppen vom Schulbus bis zum Haus herunter.
Zu dritt sitzen wir am Tisch, essen Brot und trinken Tee. Mein Gastbruder schaut die Schlümpfe auf meinem Handy und hört nicht, wie ich mit meiner Gastmama über Weihnachten rede. Es stellt sich heraus, dass Weihnachten im muslimischen Marokko natürlich nicht gefeiert wird. Stattdessen wird Eid gefeiert, der Geburtstag des Propheten Mohammed. Dafür kamen letzten Freitag ein, zwei Nachbarn und Familie zum Frühstück, Couscous-, Abendessen oder Tee zwischendurch vorbei.

20:26 Uhr
Eine Freundin der Familie ist noch vorbei gekommen, es gibt Lasagne. Irgendwann gegen 22:30 Uhr, das Geschirr ist abgewaschen, mein Gastbruder liegt im Bett, meine Gastmama schaut fern, krieche ich unter meine zwei Decken. Während ich meinem Husten Freilauf gewähre, wiegt mich der Fernseher, der seit 16 Uhr türkische Serien zeigt, in den Schlaf.


Dienstag, 3. Oktober 2017

Hamam (Badezimmer) - حمام

“No, not like this!“, wirft uns Sheyma vor, und zeigt uns, wie wir uns richtig mit dem Waschlappen die Haut vom Körper reiben. Es ist heiß im Hamam, fast wie in der Sauna. Oben an der Wand ist ein einziges Licht angebracht, das sich in den Kacheln der Wand spiegelt. Ich trage keine Brille und kann nur erahnen, dass die beiden kleinen Jungs in ihren Eimern zusammengekauert gründlich aufweichen. Rund zehn andere Frauen sitzen am Rande des Raumes umgeben von riesigen Eimern und schrubben sich den Körper. Haut, Haare, Wasser fließen in die Mitte ab. Die Frauen kommen fast jeden Samstag hierher, da zu Hause selten oder nur teures heißes Wasser läuft.
Neben mir sitzen Lisa und Lara auf winzigen Plastikhockern. Wir versuchen mit der Bestimmtheit von Sheyma und den anderen marokkanischen Frauen im Raum, die jede zu reinigenden Stellen ihrer Körper genau zu kennen scheinen, mitzuhalten. Körper, die in der Öffentlichkeit im Djellaba und Hijab versteckt werden, im Hamam aber umso schamloser gezeigt werden. Kaum eine Frau im Raum kann als schlank bezeichnet werden, das ständige Ermahnen zum Essen zeichnet sich in ihren Körpern ab. Womöglich gehen Frauen und Mädchen hier mit einem gesünderen Körpergefühl durchs Leben, obschon sie in der Öffentlichkeit bedeckt laufen müssen und Männer starken Einfluss auf den Umgang mit Frauenkörpern in der Gesellschaft nehmen. Patriarchalische Strukturen verbieten Frauen das Abtreiben, verbieten Tampons, da sie die Jungfräulichkeit gefährden würden, reduzieren Frauen aufs Gebären und Kochen. Trotz dieser Einflüsse sitzen vor mir Frauen, die - ohne Fitnessgetränk oder ausgespartem Abendessen - zufrieden mit ihren Körpern sind.
Sheyma wird von einer Frau gebeten, ihren Rücken zu schrubben. Später erfahren wir, dass sie die Frau zuvor noch nie gesehen hat. In der Straße geben sich Männer und Frauen manchmal nicht einmal die Hand, hier schrubben sich sich fremde Frauen gegenseitig den Körper.
Nach fast zwei Stunden Reinigungsritual folgt ein  Akt des Anziehens als wäre draußen Januar. Über mehrere Schichten Kopftücher und Pyjamas kommen Djellaba und Hijab und erst als ich das nächste Wochenende mit Erkältung im Bett lag, ärgerte ich mich über meine Ignoranz. Shaymas Rat, mehr als nur ein Djellaba mitzubringen, hielt ich für übertrieben - jetzt weiß ich, dass man zunächst marokkanischem Rat vertrauen sollte. Obwohl die Gründe zunächst nicht ersichtlich sind, kann man davon ausgehen, dass Marokkaner aus Erfahrung sprechen.

Die anklingenden Beobachtungen zu Geschlechtern hat Lara auf ihrem Blog noch weiter ausgeführt.
Laras Blogeintrag zu Beobachtungen zu Gender in Marokko


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Sonntag, 17. September 2017

Ankunft



Seit nun 2 Wochen bin ich in Marokko und es fühlt sich an, als wäre ich gestern erst angekommen. Zwar weiß ich mittlerweile, wo ich Messer, Tasse und Butter im Haus finde - bin aber noch nicht ganz dahinter gekommen, wieso fast ausschließlich Männer in den Cafés sitzen, rote Ampeln selbst von Autofahrern nicht beachtet werden oder Frauen ständig vor Männern gewarnt werden, um sich dann mit ihnen zu sechst 4 Sitze im Grand Taxi zu teilen.

Dar (Haus)

Das Dar in dem ich mittlerweile wohne, befindet sich in El Youssoufia, eine 15-Minuten-Grand-Taxi-Fahrt vom Zentrum und der Mdina (Altstadt) entfernt. In einer winzigen Gasse mit blauen Wänden findet man die Tür ohne Hausnummer, hinter der sich mein neues Zuhause befindet. Im ersten Stockwerk wohnen mein Gastonkel Ahmed und mein Gastgroßvater. Ein Stockwerk darüber wohnen meine Gastmutter Sadiya, mein 7-jähriger Gastbruder Yahya und ich. Darüber findet man die obligatorische Dachterrasse, auf der viel gegessen und Tee getrunken wird.

Nana (Minze)

Meine Gastmutter und ihr Bruder haben mir bereits gezeigt, wie der weltbekannte marokkanische Tee zubereitet wird. Das Geheimnis lautet Zucker… Nur manchmal wird Nana zu dem Schwarztee hinzugefügt. Um den Tee richtig genießen zu können, muss er aus einem Meter Höhe in das Glas gefüllt werden, nicht der Performance wegen sondern damit sich Bläschen an der Oberfläche bilden. Im Süden Marokkos gibt es wiederum eine andere Art der Zubereitung, sodass der Tee immer wieder anders schmecken kann.

Zouin/Zouina (schön, hübsch, niedlich)

Ich arbeite für drei Monate im Projekt „Lalla Meriem“ mit Babys von etwa 0 bis 3 Jahren. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich aus Fläschchen geben und mit einem Kind spazieren gehen. Das Lieblingswort meiner Kolleginnen lautet zouin/zouina, das den Kindern gebührt. Dementsprechend konnte ich das Wort schnell in mein Vokabular übernehmen. Kinder spielen in der marokkanischen Kultur eine besondere Rolle, oder zumindest verhält sich meine Umgebung anders gegenüber Kindern als ich es gewohnt bin. Obwohl sie meistens im Zentrum stehen – so wurde auf einer Feier meiner Gastmutter ein Baby überall herum gereicht und mit Küsschen übersät – andererseits springen die Kinder für die Mutter, wenn sie nach etwas ruft. Zum einen werden bettelnde Kinder aus den Cafés gescheucht, aber wenn eine schwangere Frau nach Essen fragt, wird ihr überall kostenlos etwas angeboten.

Culli! (Iss!)Meistens wenn die Familie zusammen isst, wird das Essen auf einem großen Teller serviert, von dem sich jeder mit Brot oder mit der Hand nimmt. Wer eine kurze Pause einlegt, wird direkt zum Weiteressen ermahnt und wer sich kein Fleisch nimmt, bekommt es in das eigene Tellergebiet geschoben. In der Familie muss man also nicht verhungern.Da ich kein eigenes Zimmer habe und ich selten Zeit für mich finde, kann ich momentan keine ausführlicheren Berichte schreiben. Vielleicht gewöhne ich mich aber bald an die Situation und ich kann genaueres von meinem Leben hier berichten.

Maasalama (Tschüss).


Rue 31, Gasse zu meinem Haus