Dienstag, 11. September 2018

Abschlussbericht

Zum 11-Uhr Frühstück schwitzen bereits die weißen Wände der Terrasse, trotzdem ist mein Tee schon lauwarm. Es fühlt sich gut an, die Teekanne selbst gefüllt zu haben, mit Zucker, mit Grünem Tee, mit heißem Wasser, mit Pfefferminze. Einen Monat schon bin ich jeden Morgen für mein Frühstück selbst verantwortlich. Zu den Ferien bin ich aus meiner Gastfamilie ausgezogen. Ich habe mich nach 10 Monaten endlich dazu entschieden, das Wohnzimmer in Youssoufia gegen ein Schlafzimmer, Küche, Bad, Terrasse, Selbstbestimmung und Privatsphäre auszutauschen. Obwohl mein Freiwilligendienst zu Ende und das Jahr in Marokko fast vorüber ist, habe ich das Gefühl, jetzt erst angekommen zu sein, in dem Land, das viel größer ist, als es auf der Landkarte scheint. Dazu hat sicherlich auch meine Gastfamilie beigetragen, in dem sie mir kochen beibringen wollten, ich beim Hausputz ausgeholfen habe, in dem sie mir ihr Familienleben gezeigt haben. Mit meiner Gastmutter und meinem Gastbruder habe ich viele wichtige und schöne Dinge erlebt und gelernt. Noch nie hatte ich viel Zeit mit Kindern verbracht, ich hatte mich mit ihnen immer etwas fehl am Platz gefühlt. Yahya, mein 8-jähriger Gastbruder, hat mir gezeigt, mich selbst weniger ernst zu nehmen und Begeisterung für kleine Dinge zu zeigen, um andere und sich selbst zu ermutigen und zu unterstützen. In dem Wohnzimmer meiner Gastfamilie haben außer mir schon zahlreiche Freiwillige vor mir geschlafen. Die schon gesammelten Erfahrungen mit Freiwilligen waren zu Beginn etwas hinderlich, um eine engere Beziehung mit meiner Gastmutter aufzubauen. Doch schließlich habe ich mit ihr sogar gekuschelt, mich mit ihr über Familie lustig gemacht, zusammen getanzt.
Meine Intention, einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren, war aber auch, unabhängiger zu werden und viele neue Dinge zu erleben. Ohne eigenes Zimmer, ohne Privatsphäre fiel mir das letztlich aber zu schwer. Seit ich in meiner Wohnung Unterschlupf finde, sind Tag und Nacht Freund*innen bei mir. Es ist sehr einfach in Rabat, fern von marokkanischen Einflüssen, in einer europäischen Blase zu leben. Europäische Cafés, europäische Restaurants, europäische Veranstaltungen, europäische Preise stehen den Leuten zur Verfügung. Glücklicherweise habe ich marokkanische Freund*innen gefunden, die die Wohnung jetzt mit Arabisch beleben, mir Liedtexte erklären, fleißig deutsche Schimpfwörter lernen, mich ermutigen wenn ich beim tanzen zu marokkanischer Musik versage, lautstark mit mir über Religion diskutieren.
Manchmal überkommt mich aber die Ohnmacht, die Ungerechtigkeit. Wenn wir über schöne Orte in der Welt reden und ich viele davon schon besucht habe, öffnet mein Reisepass eine große Lücke zwischen meinen Freund*innen und mir. Manchmal schäme ich mich, manchmal fühle ich mich schuldig. Sicherlich sind es nicht ganz berechtigte Gefühle, doch besonders das Ende meines Freiwilligendienst führt mir dieses Ungleichgewicht noch einmal stark vor Augen. Ein Jahr habe ich viel über mich, von anderen, über die Welt gelernt, sie können nicht das Gleiche tun. Von vielen wurde ich eingeladen, doch leider kann ich nicht das selbe tun. Erzählungen aus Deutschland bleiben nur leere Worte, ungreifbare Geschichten, zweidimensionale Abbildungen. Hoffentlich werde ich und viele andere in der Zukunft die Möglichkeit haben, etwas dagegen zu tun. Ich bin mir sicher, dass Freiwilligendienste vor Allem mit dem ICJA ein großer Schritt hin in diese Richtung ist. Zumindest ist der Freiwilligendienst eine gute Chance, Rassismus und Ressentiments entgegenzuwirken. Alltag in anderen Ländern wird greifbar, Menschen anderer Länder werden zu Individuen, Sprachen und Geschichten werden verständlich.
Leider habe ich zu Beginn nicht ausreichend Darija gelernt, vieles bleibt für mich unverständlich. Zum Einen war der von der Assoziation gegebene Unterricht nicht gut gestaltet, zum Anderen findet man zu dem arabischen Dialekt kaum professionelle Inhalte im Internet. Durch das ganze Jahr haben sich Momente von Passivität gezogen, in denen ich keiner Unterhaltung folgen und auch meine Mitmenschen nur schwer kennenlernen oder einschätzen konnte. So hatte ich einige Probleme bei der Arbeit als auch in der Gastfamilie. In meinem ersten Projekt Lalla Meriem, einem Waisenheim, in dem ich mit Babys und Kleinkindern gearbeitet habe, konnten viele meiner Kolleginnen nur Arabisch und auch mit den Kindern konnte ich nicht auf Französisch sprechen, sie verstanden mich entweder nicht oder ich wollte sie nicht verwirren. Innerhalb meiner 4 Monate bei Lalla Meriem konnte ich einige einfache Wörter auf Kleinkind-Niveau aufschnappen. Allgemein war die Sprache aber erst im zweiten Projekt AMSAT wichtig. Um sich in dem Projekt einbringen zu können, muss man mit den Trisomie-21 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Ateliers in Kontakt treten. Zwar konnten all meine Kolleg*innen ausgezeichnetes Französisch, doch da es mit einigen Probleme gab, versuchte ich mehr mit den Kindern zu machen. Mein Aufgabenbereich war ziemlich klein, das wichtigste wäre der Umgang mit den Kindern gewesen. Doch um Anweisungen zu geben, miteinander zu scherzen, voneinander zu lernen, wäre ein ausgebautes Niveau an Arabisch nötig gewesen. So habe ich schließlich fast nur in den Sportateliers ausgeholfen. Mein Arabisch war hierfür ausreichend und mit Körpersprache ließ sich eine engere Beziehung zu den Kindern aufbauen. Beim Basketball, Fußball, Judo etc. habe ich mich nützlich gefühlt und viel über das Down-Syndrom gelernt. Wie unterschiedlich sich das weitere Chromosom auf den Körper auswirken kann, wie manche Kinder einen aber auch hinters Licht führen, habe ich in den Monaten gelernt. Jeder hatte unterschiedliche Fähigkeiten, manche sind einen Parcours in wenigen Sekunden durch gesprintet, andere haben Schwierigkeiten ohne Hilfestellung zu springen, andere setzen sich auf die Bank weil sie meinen, nach einer Runde gehen, schon müde zu sein. Außer beim Sport habe ich noch im Küchentheorie-Atelier ausgeholfen. Hier habe ich sehr viel Arabisch gelernt, wenn z.B. 7 Trisomie-21 Erwachsenen nacheinander ein Kochrezept durchgehen müssen oder mir der Erzieher, der sogar deutsch spricht, einige Dinge übersetzt. Leider haben aber die fehlenden Sprachkenntnisse dazu geführt, dass ich als Freiwillige deutlich weniger ernst genommen wurde als vielleicht marokkanische Praktikanten. Das Gebäude des Projekts AMSAT, vom Prinzen Moulay Rachid gegründet, ist sehr schön, es gibt sogar ein hauseigenes Restaurant vom Küchenatelier, es werden viele Reisen für die Jugendlichen und Erwachsenen organisiert. Manchmal gab es aber Kommunikationsprobleme oder Organisationsfehler, wie das Mitteilen bei Ausfall der Ateliers, wodurch ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Trotzdem bin ich froh Teil des Projekts gewesen zu sein und einen Einblick in die assoziative Arbeit mit Trisomie-21 Menschen bekommen zu haben. Das Projekt hat mir auch mehr Abwechslung und mehr Aufgaben gegeben, als ich sie im Zentrum Lalla Meriem hatte. Etwa die Hälfte der vier Stunden Arbeit waren mit tatsächlicher Arbeit gefüllt. Babys füttern, Windeln wechseln, Kinder beruhigen. Die ersten zwei Monate habe ich durchaus viel im Umgang mit Babys gelernt, hätte von da an aber meine Organisation bitten sollen, mir ein neues Projekt zu zuteilen. Trotz der Langeweile im Projekt, gefiel es mir sehr, die Babys und Kinder in den 4 Monaten beim Großwerden zu sehen und zu erleben, dass viele von ihnen eine Familie gefunden haben.
Da ich mittlerweile etwas mehr Darija beherrsche und meine Freund*innen mir vieles erklären, bekomme ich noch mehr von der Kultur mit. Ich wurde auf eine Hochzeit mitgenommen, ich werde direkt zur Familie gezählt. Es hat etwas gedauert bis ich diese Menschen gefunden habe, vieles hat bei mir etwas länger gedauert. Erst nach langer Zeit, habe ich gemerkt, dass mir die fehlende Privatsphäre zu Hause nicht gut tut, so hätte ich auch mehr Energie ins Sprache lernen stecken können. Zu spät habe ich realisiert, dass ich mein erstes Projekt hätte wechseln können. Doch auch wenn ich es damals nicht getan habe, habe ich zumindest jetzt noch etwas an meiner Wohnsituation geändert und lerne jeden Tag neue Dinge auf Arabisch. Wie ich bereits erwartet hatte, reicht ein Jahr nicht aus um eine Kultur gut kennenzulernen. Dennoch habe ich wichtige Dinge in Marokko und über Marokko gelernt und habe schließlich auch ein Bewusstsein dafür bekommen, sich Fremd in einer Kultur zu fühlen. Somit kann ich zumindest erahnen, wie es Immigranten in Deutschland ergehen muss und denke, dass ich diesen durch unvoreingenommenes, geduldiges Gegenübertreten, eine Hilfe sein kann, sowie mir in Marokko viele ihre Hilfe angeboten hatten. Ich hoffe in Zukunft aktiv zu sein, wie ich es zu Ende gelernt habe und mein Leben mehr selbst zu bestimmen, denn dieser selbst gekochte Tee schmeckt selbst lauwarm ausgezeichnet.

Sonntag, 15. Juli 2018

Ramadan

Der Monat Ramadan des islamischen Kalenders beginnt dieses Jahr am 15. Mai. In diesem Monat wurden Mohammed erstmals von einem Engel Teile des Qurans offenbart. Aus verschiedenen Gründen Fasten Muslime zu diesem besonderen Monat von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Fastenmonat gehört zu den fünf Säulen des Islams,er ist somit obligatorisch für Muslime. Ausgenommen vom Fasten sind Schwangere, Kranke, Alte, Junge, Menstruierende, Reisende. Die restlichen Muslime in Marokko müssen für 16 Stunden auf Essen, Trinken, Sex und Drogen verzichten. Manche sehen in Ramadan auch eine Zeit des Ablegens negativer Eigenschaften und Gedanken. So kann schon ein Ausbruch von Wut den Fastentag ungültig machen. Für diese Muslime dient Ramadan nicht nur der körperlichen sondern auch der geistigen Reinigung. Andere sehen im Fasten die Verehrung Gottes. Da im Ramadan Salat (fünf Mal Beten am Tag), auch eine der fünf Säulen des Islams, befolgt werden soll, finden viele ihre Nähe zu Gott oder ihre Spiritualität wieder, durch den ständigen Kontakt mit Gott verstärkt sich ihr Glaube. Zudem macht das Fasten das Leid Hungender verständlich, daher organisieren Assoziationen kostenlose Iftours (Frühstück, auch erste Mahlzeit bei Sonnenuntergang) für Leute, die sich zum Allahuakbar („Gott ist groß“, damit beginnt der Ruf zum Gebet aus den Moscheen, der Adan) um 19:30 nicht an einem voll gedeckten Tisch wiederfinden. Dieser Monat ist also nicht nur für den individuellen Muslim sondern der ganzen muslimischen Gemeinschaft von Bedeutung. In der Nacht wird Essen geteilt, Zeit miteinander verbracht.

16.05
Mein erster Ramadan beginnt um Mitternacht mit dem Abendessen: Salat, Merka (gekochte Erbsen, Möhren, Fleisch) mit Brot, Datteln und reichlich Wasser. Meine Gastfamilie ist zu früh dran mit dem Abendbrot.Ich stopfe mir das Essen in den Mund, ich befürchte, die nächsten 19 Stunden nicht überstehen zu können. Leider ist mein Magen klein und meine Hand noch immer zu ungeschickt, um mit dem Brot genug Essen aufzunehmen. Das Sättigungsgefühl kündigt sich zu früh an. Ich kippe einige Gläser Wasser hinterher, in der Hoffnung zumindest den Durst für eine gewisse Zeit zu löschen. Schnell drei Datteln hinterher, mögen sie meinen Magen sowie mich in den Schlaf wiegen.

Mein Wecker geht um 7:20. Diese Nacht wurde die Uhr auf Winterzeit zurückgestellt, somit habe ich noch eine Stunde länger Schlaf bekommen. Als ich aufstehen möchte, fällt mir auf, dass das Frühstück ausfallen muss. Dafür stehen mir 20 Minuten mehr Schlaf zu. Praktisch. Wer nicht isst, kann mehr schlafen. Wundervoll.

Der Gedanke verschwindet schnell wieder als ich vor der Sportanlage meiner Arbeit stehe. Geschlossen. Womöglich muss ich eine halbe Stunde warten. Auch die Schule meines Gastbruders beginnt eine halbe Stunde später als gewohnt. Hunger mittelmäßig, Durst groß. 10 Stunden stehen noch vor mir. Der Kopf klopft schon an - doch nicht so wundervoll. Die Stadt ist voll mit leeren Mägen und trockenen Mündern. Den vorbeigehenden Leuten versuche ich anzusehen, wie sehr sie unter Hunger und Durst leiden, doch sie lassen sich nichts anmerken. Auch scheint sich niemand daran zu stören, dass alle Läden geschlossen sind. Einzig McDonalds bleibt Tag und Nacht geöffnet, um Ausländer, Nicht-Muslime oder Nicht-Fastende vorm Hunger zu retten.

Um 19:30 sitzt die ganze Familie am gut bestückten Tisch und horcht auf den Adan, der aus dem Fernseher sowie dem Fenster hallt. Das Fasten wird mit einem „Bismillah“ (im Namen Gottes) und einer Dattel gebrochen, anschließend wird Milch oder Wasser getrunken. Alle meine Familienmitglieder verschlingen ihre Mahlzeit, sodass sich einige von ihnen nachts noch übergeben müssen.  Komödianten der neu zu Ramadan ausgestrahlten Sendungen begleiten uns beim Essen. Bis zum nächsten Adan um 21:30 bleibt Zeit zum verdauen, beten, fernsehen.

Um 21:30 finde ich leere Straßen vor. Die Menschenmengen haben sich in die Moscheen verschoben. Sonst sieht man nur freitags, am Feier- und Couscous-Tag, die Quartiers (fr. Viertel) leer und die Moscheen überlaufen. Viele finden diesen Monat zurück zur Spiritualität und ihre Nähe zu Gott oder aber beten für gute Ergebnisse in den in Ramadan stattfindenden Prüfungen. Nach dem Gebet begeben sich viele in ihren Jellabas (traditionelles Amazigh-Gewandt für Mann und Frau, langes Kleid mit Kapuze) auf die Straßen, die Quartiers beleben wieder. Es werden Einkäufe auf dem Markt verrichtet, mit Freunden Karten oder Dame gespielt, mit Nachbar gequatscht. Viele junge Leute fahren mit ihren Motorollern an die Promenade, um in der Plastikstuhlrunde mit Freunde Ideen und eine Shisha zu teilen. Erst gegen 12 Uhr leert sich die Promenade wieder, Pärchen tauschen letzte, nur nächtlich erlaubte Zärtlichkeiten aus, Stühle werden zusammengeklappt.

Als ich um 1 Uhr in Youssoufia ankomme, begegne ich nur wenigen Frauen, einigen Männern und wenigen fußballspielenden Kindern. Eine Gruppe Männer spielt noch bei Handylicht eine Partie Karten, direkt daneben hat sich dafür die alte Generation versammelt. Obwohl es spät und still ist, fühlen sich diese Straßen ungefährlich an. Zwar wirken die Leute tagsüber träge und gestresst und ständig begegnet man sich streitenden Menschen, dafür bekommt man als Frau weniger Kommentare auf der Straße zu hören und allgemein sind viele still und mit sich selbst beschäftigt. Die Luft zu Ramadan ist anders. Mir ist auch etwas anders zu Mute, als ich zu Bett gehe. Gegen drei werde ich von meiner Gastmama zum Ssehour geweckt. Beim letzten Abendmahl sind allen die Augenlieder schwer. Der Röhrenfernseher mit der Wiederholung der Sendung vom Iftour dröhnt in den Ohren.
Ein Iftour zu Hause, besonders üppig wegen Besuchen


Ein Iftour bei AMSAT, vom Küchenatelier organisiert
Ein Iftour an der Promenade



Dienstag, 5. Dezember 2017

Alltag

06:30 Uhr
Ein Wecker klingelt. Seitdem meine Gastmama ihre neue Arbeit als Köchin für eine Familie in Agdal - ein Quartier mit hohem Franzosen- und Geldanteil, gefunden hat, besitzt sie ein neues Smartphone, mit dem sie noch nicht ganz vertraut ist. Nachdem ich ihren Wecker ausgestellt habe, lege ich mich zurück auf's Sofa und lausche Yahya und Saadia beim Sich-fertig-machen.

07:30 Uhr
Mein Wecker klingelt. Ich bin alleine, habe wieder nicht mitbekommen, dass meine Gastfamilie gegangen ist. Anscheinend bin ich doch wieder eingeschlafen unter Geschirrklirren, Brutzeln und Schmatzen.

08:15 Uhr
Bürgersteig in Youssoufia
Ich teile mir auf dem Weg zum Taxi den Bürgersteig mit Frauen und Kindern auf dem Schulweg, mit Ständen, mit Minze-Verkäufern, mit Straßenkatzen.
Heute habe ich Glück, die lange Schlange wartet auf ein Taxi nach Agdal. Ich hingegen werde direkt durchgewunken. „Mademoiselle! La Gare Rabat Ville? Aji, viens!“

08:50 Uhr
Teil des Parlamentsgebäude

Bürgersteig vor dem Zentrum

Vom Bahnhof zum Centre Lalla Meriem laufe ich mit Anzugträgern die Avenue Mohammed V entlang. Während ich die saubere Straße bewundere, fliegen hunderte Tauben über mich hinweg. Nun befürchte ich nur noch von den Vögeln angekackt zu werden, die bewaffnete Gendarmerie vor dem Parlamentsgebäude ist mir egal.

09:00 Uhr
Nachdem ich sowohl Arbeitsbluse als auch Kopfbedeckung angelegt habe, kann die Arbeit endlich beginnen. Gerade möchte ich ein weinendes Baby beruhigen, da ermahnt mich eine Kollegin, ich solle mich von den Babies fern halten. Sie hat mich beim Naseputzen beobachtet und nimmt an, dass ich die Kinder infiziere. Dass die Babies die Virusüberträger waren, versteht sie nicht, das Inhaliergerät für die Babies ist zu laut.

13:20 Uhr
Obwohl ich krankheitsbedingt nichts zu tun hatte außer quatschen, eine Windel wechseln, ein Kind füttern, zwei mal Wäsche zum hauseigenen Waschsalon bringen, verlasse ich das Zentrum 20 Minuten später als gewöhnlich. Für mich fielen heute das Fläschchen geben, Babies beruhigen und Windeln wechseln aus. Um meiner Nützlichkeit kein Stück näher zu kommen, mache ich einen ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt.
Eingang zur Kasbah
Aussicht auf die Kasbah und Rabat


Moschee Assounna an der Avenue Mohammed V

16:08 Uhr
Pünktlich kommt mein Gastbruder von der Schule. Mittlerweile schafft er es alleine die Treppen vom Schulbus bis zum Haus herunter.
Zu dritt sitzen wir am Tisch, essen Brot und trinken Tee. Mein Gastbruder schaut die Schlümpfe auf meinem Handy und hört nicht, wie ich mit meiner Gastmama über Weihnachten rede. Es stellt sich heraus, dass Weihnachten im muslimischen Marokko natürlich nicht gefeiert wird. Stattdessen wird Eid gefeiert, der Geburtstag des Propheten Mohammed. Dafür kamen letzten Freitag ein, zwei Nachbarn und Familie zum Frühstück, Couscous-, Abendessen oder Tee zwischendurch vorbei.

20:26 Uhr
Eine Freundin der Familie ist noch vorbei gekommen, es gibt Lasagne. Irgendwann gegen 22:30 Uhr, das Geschirr ist abgewaschen, mein Gastbruder liegt im Bett, meine Gastmama schaut fern, krieche ich unter meine zwei Decken. Während ich meinem Husten Freilauf gewähre, wiegt mich der Fernseher, der seit 16 Uhr türkische Serien zeigt, in den Schlaf.


Dienstag, 3. Oktober 2017

Hamam (Badezimmer) - حمام

“No, not like this!“, wirft uns Sheyma vor, und zeigt uns, wie wir uns richtig mit dem Waschlappen die Haut vom Körper reiben. Es ist heiß im Hamam, fast wie in der Sauna. Oben an der Wand ist ein einziges Licht angebracht, das sich in den Kacheln der Wand spiegelt. Ich trage keine Brille und kann nur erahnen, dass die beiden kleinen Jungs in ihren Eimern zusammengekauert gründlich aufweichen. Rund zehn andere Frauen sitzen am Rande des Raumes umgeben von riesigen Eimern und schrubben sich den Körper. Haut, Haare, Wasser fließen in die Mitte ab. Die Frauen kommen fast jeden Samstag hierher, da zu Hause selten oder nur teures heißes Wasser läuft.
Neben mir sitzen Lisa und Lara auf winzigen Plastikhockern. Wir versuchen mit der Bestimmtheit von Sheyma und den anderen marokkanischen Frauen im Raum, die jede zu reinigenden Stellen ihrer Körper genau zu kennen scheinen, mitzuhalten. Körper, die in der Öffentlichkeit im Djellaba und Hijab versteckt werden, im Hamam aber umso schamloser gezeigt werden. Kaum eine Frau im Raum kann als schlank bezeichnet werden, das ständige Ermahnen zum Essen zeichnet sich in ihren Körpern ab. Womöglich gehen Frauen und Mädchen hier mit einem gesünderen Körpergefühl durchs Leben, obschon sie in der Öffentlichkeit bedeckt laufen müssen und Männer starken Einfluss auf den Umgang mit Frauenkörpern in der Gesellschaft nehmen. Patriarchalische Strukturen verbieten Frauen das Abtreiben, verbieten Tampons, da sie die Jungfräulichkeit gefährden würden, reduzieren Frauen aufs Gebären und Kochen. Trotz dieser Einflüsse sitzen vor mir Frauen, die - ohne Fitnessgetränk oder ausgespartem Abendessen - zufrieden mit ihren Körpern sind.
Sheyma wird von einer Frau gebeten, ihren Rücken zu schrubben. Später erfahren wir, dass sie die Frau zuvor noch nie gesehen hat. In der Straße geben sich Männer und Frauen manchmal nicht einmal die Hand, hier schrubben sich sich fremde Frauen gegenseitig den Körper.
Nach fast zwei Stunden Reinigungsritual folgt ein  Akt des Anziehens als wäre draußen Januar. Über mehrere Schichten Kopftücher und Pyjamas kommen Djellaba und Hijab und erst als ich das nächste Wochenende mit Erkältung im Bett lag, ärgerte ich mich über meine Ignoranz. Shaymas Rat, mehr als nur ein Djellaba mitzubringen, hielt ich für übertrieben - jetzt weiß ich, dass man zunächst marokkanischem Rat vertrauen sollte. Obwohl die Gründe zunächst nicht ersichtlich sind, kann man davon ausgehen, dass Marokkaner aus Erfahrung sprechen.

Die anklingenden Beobachtungen zu Geschlechtern hat Lara auf ihrem Blog noch weiter ausgeführt.
Laras Blogeintrag zu Beobachtungen zu Gender in Marokko


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Sonntag, 17. September 2017

Ankunft



Seit nun 2 Wochen bin ich in Marokko und es fühlt sich an, als wäre ich gestern erst angekommen. Zwar weiß ich mittlerweile, wo ich Messer, Tasse und Butter im Haus finde - bin aber noch nicht ganz dahinter gekommen, wieso fast ausschließlich Männer in den Cafés sitzen, rote Ampeln selbst von Autofahrern nicht beachtet werden oder Frauen ständig vor Männern gewarnt werden, um sich dann mit ihnen zu sechst 4 Sitze im Grand Taxi zu teilen.

Dar (Haus)

Das Dar in dem ich mittlerweile wohne, befindet sich in El Youssoufia, eine 15-Minuten-Grand-Taxi-Fahrt vom Zentrum und der Mdina (Altstadt) entfernt. In einer winzigen Gasse mit blauen Wänden findet man die Tür ohne Hausnummer, hinter der sich mein neues Zuhause befindet. Im ersten Stockwerk wohnen mein Gastonkel Ahmed und mein Gastgroßvater. Ein Stockwerk darüber wohnen meine Gastmutter Sadiya, mein 7-jähriger Gastbruder Yahya und ich. Darüber findet man die obligatorische Dachterrasse, auf der viel gegessen und Tee getrunken wird.

Nana (Minze)

Meine Gastmutter und ihr Bruder haben mir bereits gezeigt, wie der weltbekannte marokkanische Tee zubereitet wird. Das Geheimnis lautet Zucker… Nur manchmal wird Nana zu dem Schwarztee hinzugefügt. Um den Tee richtig genießen zu können, muss er aus einem Meter Höhe in das Glas gefüllt werden, nicht der Performance wegen sondern damit sich Bläschen an der Oberfläche bilden. Im Süden Marokkos gibt es wiederum eine andere Art der Zubereitung, sodass der Tee immer wieder anders schmecken kann.

Zouin/Zouina (schön, hübsch, niedlich)

Ich arbeite für drei Monate im Projekt „Lalla Meriem“ mit Babys von etwa 0 bis 3 Jahren. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich aus Fläschchen geben und mit einem Kind spazieren gehen. Das Lieblingswort meiner Kolleginnen lautet zouin/zouina, das den Kindern gebührt. Dementsprechend konnte ich das Wort schnell in mein Vokabular übernehmen. Kinder spielen in der marokkanischen Kultur eine besondere Rolle, oder zumindest verhält sich meine Umgebung anders gegenüber Kindern als ich es gewohnt bin. Obwohl sie meistens im Zentrum stehen – so wurde auf einer Feier meiner Gastmutter ein Baby überall herum gereicht und mit Küsschen übersät – andererseits springen die Kinder für die Mutter, wenn sie nach etwas ruft. Zum einen werden bettelnde Kinder aus den Cafés gescheucht, aber wenn eine schwangere Frau nach Essen fragt, wird ihr überall kostenlos etwas angeboten.

Culli! (Iss!)Meistens wenn die Familie zusammen isst, wird das Essen auf einem großen Teller serviert, von dem sich jeder mit Brot oder mit der Hand nimmt. Wer eine kurze Pause einlegt, wird direkt zum Weiteressen ermahnt und wer sich kein Fleisch nimmt, bekommt es in das eigene Tellergebiet geschoben. In der Familie muss man also nicht verhungern.Da ich kein eigenes Zimmer habe und ich selten Zeit für mich finde, kann ich momentan keine ausführlicheren Berichte schreiben. Vielleicht gewöhne ich mich aber bald an die Situation und ich kann genaueres von meinem Leben hier berichten.

Maasalama (Tschüss).


Rue 31, Gasse zu meinem Haus