Zum 11-Uhr Frühstück schwitzen bereits die weißen Wände der Terrasse, trotzdem ist mein Tee schon lauwarm. Es fühlt sich gut an, die Teekanne selbst gefüllt zu haben, mit Zucker, mit Grünem Tee, mit heißem Wasser, mit Pfefferminze. Einen Monat schon bin ich jeden Morgen für mein Frühstück selbst verantwortlich. Zu den Ferien bin ich aus meiner Gastfamilie ausgezogen. Ich habe mich nach 10 Monaten endlich dazu entschieden, das Wohnzimmer in Youssoufia gegen ein Schlafzimmer, Küche, Bad, Terrasse, Selbstbestimmung und Privatsphäre auszutauschen. Obwohl mein Freiwilligendienst zu Ende und das Jahr in Marokko fast vorüber ist, habe ich das Gefühl, jetzt erst angekommen zu sein, in dem Land, das viel größer ist, als es auf der Landkarte scheint. Dazu hat sicherlich auch meine Gastfamilie beigetragen, in dem sie mir kochen beibringen wollten, ich beim Hausputz ausgeholfen habe, in dem sie mir ihr Familienleben gezeigt haben. Mit meiner Gastmutter und meinem Gastbruder habe ich viele wichtige und schöne Dinge erlebt und gelernt. Noch nie hatte ich viel Zeit mit Kindern verbracht, ich hatte mich mit ihnen immer etwas fehl am Platz gefühlt. Yahya, mein 8-jähriger Gastbruder, hat mir gezeigt, mich selbst weniger ernst zu nehmen und Begeisterung für kleine Dinge zu zeigen, um andere und sich selbst zu ermutigen und zu unterstützen. In dem Wohnzimmer meiner Gastfamilie haben außer mir schon zahlreiche Freiwillige vor mir geschlafen. Die schon gesammelten Erfahrungen mit Freiwilligen waren zu Beginn etwas hinderlich, um eine engere Beziehung mit meiner Gastmutter aufzubauen. Doch schließlich habe ich mit ihr sogar gekuschelt, mich mit ihr über Familie lustig gemacht, zusammen getanzt.
Meine Intention, einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren, war aber auch, unabhängiger zu werden und viele neue Dinge zu erleben. Ohne eigenes Zimmer, ohne Privatsphäre fiel mir das letztlich aber zu schwer. Seit ich in meiner Wohnung Unterschlupf finde, sind Tag und Nacht Freund*innen bei mir. Es ist sehr einfach in Rabat, fern von marokkanischen Einflüssen, in einer europäischen Blase zu leben. Europäische Cafés, europäische Restaurants, europäische Veranstaltungen, europäische Preise stehen den Leuten zur Verfügung. Glücklicherweise habe ich marokkanische Freund*innen gefunden, die die Wohnung jetzt mit Arabisch beleben, mir Liedtexte erklären, fleißig deutsche Schimpfwörter lernen, mich ermutigen wenn ich beim tanzen zu marokkanischer Musik versage, lautstark mit mir über Religion diskutieren.
Manchmal überkommt mich aber die Ohnmacht, die Ungerechtigkeit. Wenn wir über schöne Orte in der Welt reden und ich viele davon schon besucht habe, öffnet mein Reisepass eine große Lücke zwischen meinen Freund*innen und mir. Manchmal schäme ich mich, manchmal fühle ich mich schuldig. Sicherlich sind es nicht ganz berechtigte Gefühle, doch besonders das Ende meines Freiwilligendienst führt mir dieses Ungleichgewicht noch einmal stark vor Augen. Ein Jahr habe ich viel über mich, von anderen, über die Welt gelernt, sie können nicht das Gleiche tun. Von vielen wurde ich eingeladen, doch leider kann ich nicht das selbe tun. Erzählungen aus Deutschland bleiben nur leere Worte, ungreifbare Geschichten, zweidimensionale Abbildungen. Hoffentlich werde ich und viele andere in der Zukunft die Möglichkeit haben, etwas dagegen zu tun. Ich bin mir sicher, dass Freiwilligendienste vor Allem mit dem ICJA ein großer Schritt hin in diese Richtung ist. Zumindest ist der Freiwilligendienst eine gute Chance, Rassismus und Ressentiments entgegenzuwirken. Alltag in anderen Ländern wird greifbar, Menschen anderer Länder werden zu Individuen, Sprachen und Geschichten werden verständlich.
Leider habe ich zu Beginn nicht ausreichend Darija gelernt, vieles bleibt für mich unverständlich. Zum Einen war der von der Assoziation gegebene Unterricht nicht gut gestaltet, zum Anderen findet man zu dem arabischen Dialekt kaum professionelle Inhalte im Internet. Durch das ganze Jahr haben sich Momente von Passivität gezogen, in denen ich keiner Unterhaltung folgen und auch meine Mitmenschen nur schwer kennenlernen oder einschätzen konnte. So hatte ich einige Probleme bei der Arbeit als auch in der Gastfamilie. In meinem ersten Projekt Lalla Meriem, einem Waisenheim, in dem ich mit Babys und Kleinkindern gearbeitet habe, konnten viele meiner Kolleginnen nur Arabisch und auch mit den Kindern konnte ich nicht auf Französisch sprechen, sie verstanden mich entweder nicht oder ich wollte sie nicht verwirren. Innerhalb meiner 4 Monate bei Lalla Meriem konnte ich einige einfache Wörter auf Kleinkind-Niveau aufschnappen. Allgemein war die Sprache aber erst im zweiten Projekt AMSAT wichtig. Um sich in dem Projekt einbringen zu können, muss man mit den Trisomie-21 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Ateliers in Kontakt treten. Zwar konnten all meine Kolleg*innen ausgezeichnetes Französisch, doch da es mit einigen Probleme gab, versuchte ich mehr mit den Kindern zu machen. Mein Aufgabenbereich war ziemlich klein, das wichtigste wäre der Umgang mit den Kindern gewesen. Doch um Anweisungen zu geben, miteinander zu scherzen, voneinander zu lernen, wäre ein ausgebautes Niveau an Arabisch nötig gewesen. So habe ich schließlich fast nur in den Sportateliers ausgeholfen. Mein Arabisch war hierfür ausreichend und mit Körpersprache ließ sich eine engere Beziehung zu den Kindern aufbauen. Beim Basketball, Fußball, Judo etc. habe ich mich nützlich gefühlt und viel über das Down-Syndrom gelernt. Wie unterschiedlich sich das weitere Chromosom auf den Körper auswirken kann, wie manche Kinder einen aber auch hinters Licht führen, habe ich in den Monaten gelernt. Jeder hatte unterschiedliche Fähigkeiten, manche sind einen Parcours in wenigen Sekunden durch gesprintet, andere haben Schwierigkeiten ohne Hilfestellung zu springen, andere setzen sich auf die Bank weil sie meinen, nach einer Runde gehen, schon müde zu sein. Außer beim Sport habe ich noch im Küchentheorie-Atelier ausgeholfen. Hier habe ich sehr viel Arabisch gelernt, wenn z.B. 7 Trisomie-21 Erwachsenen nacheinander ein Kochrezept durchgehen müssen oder mir der Erzieher, der sogar deutsch spricht, einige Dinge übersetzt. Leider haben aber die fehlenden Sprachkenntnisse dazu geführt, dass ich als Freiwillige deutlich weniger ernst genommen wurde als vielleicht marokkanische Praktikanten. Das Gebäude des Projekts AMSAT, vom Prinzen Moulay Rachid gegründet, ist sehr schön, es gibt sogar ein hauseigenes Restaurant vom Küchenatelier, es werden viele Reisen für die Jugendlichen und Erwachsenen organisiert. Manchmal gab es aber Kommunikationsprobleme oder Organisationsfehler, wie das Mitteilen bei Ausfall der Ateliers, wodurch ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Trotzdem bin ich froh Teil des Projekts gewesen zu sein und einen Einblick in die assoziative Arbeit mit Trisomie-21 Menschen bekommen zu haben. Das Projekt hat mir auch mehr Abwechslung und mehr Aufgaben gegeben, als ich sie im Zentrum Lalla Meriem hatte. Etwa die Hälfte der vier Stunden Arbeit waren mit tatsächlicher Arbeit gefüllt. Babys füttern, Windeln wechseln, Kinder beruhigen. Die ersten zwei Monate habe ich durchaus viel im Umgang mit Babys gelernt, hätte von da an aber meine Organisation bitten sollen, mir ein neues Projekt zu zuteilen. Trotz der Langeweile im Projekt, gefiel es mir sehr, die Babys und Kinder in den 4 Monaten beim Großwerden zu sehen und zu erleben, dass viele von ihnen eine Familie gefunden haben.
Da ich mittlerweile etwas mehr Darija beherrsche und meine Freund*innen mir vieles erklären, bekomme ich noch mehr von der Kultur mit. Ich wurde auf eine Hochzeit mitgenommen, ich werde direkt zur Familie gezählt. Es hat etwas gedauert bis ich diese Menschen gefunden habe, vieles hat bei mir etwas länger gedauert. Erst nach langer Zeit, habe ich gemerkt, dass mir die fehlende Privatsphäre zu Hause nicht gut tut, so hätte ich auch mehr Energie ins Sprache lernen stecken können. Zu spät habe ich realisiert, dass ich mein erstes Projekt hätte wechseln können. Doch auch wenn ich es damals nicht getan habe, habe ich zumindest jetzt noch etwas an meiner Wohnsituation geändert und lerne jeden Tag neue Dinge auf Arabisch. Wie ich bereits erwartet hatte, reicht ein Jahr nicht aus um eine Kultur gut kennenzulernen. Dennoch habe ich wichtige Dinge in Marokko und über Marokko gelernt und habe schließlich auch ein Bewusstsein dafür bekommen, sich Fremd in einer Kultur zu fühlen. Somit kann ich zumindest erahnen, wie es Immigranten in Deutschland ergehen muss und denke, dass ich diesen durch unvoreingenommenes, geduldiges Gegenübertreten, eine Hilfe sein kann, sowie mir in Marokko viele ihre Hilfe angeboten hatten. Ich hoffe in Zukunft aktiv zu sein, wie ich es zu Ende gelernt habe und mein Leben mehr selbst zu bestimmen, denn dieser selbst gekochte Tee schmeckt selbst lauwarm ausgezeichnet.